Essen gegen Altern

Über ganz alltägliche Superfoods...

Dr. Gwen Bingle
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April 27, 2022

In unserem letzten Beitrag „Richtig essen! Richtig essen?“ (https://www.epi-age.de/blog/richtig-essen-richtig-essen) haben wir darauf hingewiesen, wie schwierig es ist, konkrete Empfehlungen für eine gesunde Ernährung mit Anti-Aging Wirkung zu geben, da einzelne Lebensmittel sowie besondere Diäten immer hochkomplexe Wechselwirkungen mit der jeweiligen physiologischen Veranlagung, Lebenslage, Umwelt, oder den sozioökonomischen Umständen des Einzelnen aufweisen. Auch sind wir auf vielversprechende Zukunftsaussichten aus der Nutrigenomik kurz eingegangen, die einem Hoffnung machen, dass bessere Orientierung in Form von verlässlicheren allgemeinen Richtwerten und personalisierten Empfehlungen bald entstehen könnten. Aber was sollte man bis dahin tun? Ungewissheit und Ohnmacht in den nächsten bunten Eisbecher oder in der Currywurst-Bude vergraben?

Hoffnung gibt es aber jetzt schon! Eine interessante norwegische Studie, Estimating impact of food choices on life expectancy: A modeling study von Forschern an der Universitetet i Bergen haben ein Modell als Entscheidungshilfe entwickelt, das vorhersagt, wie sich die Wahl der Ernährung auf die Lebenserwartung (LE) auswirkt. Das Modellbasiert auf Metaanalysen sowie Daten aus der Global Burden of Disease-Studie (2019) und die Forscher haben die Auswirkungen nachhaltiger Diätveränderungen auf die Lebenserwartung anhand von Lebenszeittabellen abgeschätzt. Die Lebensmittelgruppen bzw. Getränke, die berücksichtigt wurden, waren Obst, Gemüse, Vollkorngetreide, raffiniertes Getreide, Nüssen, Hülsenfrüchten, Fisch, Eiern, Milch/Milchprodukten, rotes, weißes und verarbeitetes Fleisch (wie Wurstwaren), Öle/Fette sowie zuckerhaltige Limonaden. Und die Veränderung die sich als besonders förderlich herausstellte, entsprach dem Wandel von einer typischen westlichen Diät (mit Betonung auf Fleisch, Weißmehl- und Milchprodukte sowie Sodas) hin zu einer eher mediterran angehauchten Ernährungsweise, wo Gemüse, Hülsenfrüchten, Obst, Nüsse und Fisch die Hauptrollen spielen. Realistischerweise haben die Forscher in deren Food for healthy life Rechner zwei Optionen eingebaut: „optimal“ versus „machbar“, wobei der größte Lebenserwartung-Gewinn wenig überraschend bei der ersten Option zu erwarten wäre aber der nachhaltigere eher bei der zweiten. So oder so, besonders entscheidend ist natürlich, wann der Wechsel zu einer gesünderen Ernährung stattfindet. Erwartungsgemäß ist eine Veränderung in jungen Jahren gewinnbringender, da über 10 Jahre gewonnen werden können, aber selbst mit 60 wären es laut Modell bis zu 8 Jahre und mit 80 sogar noch über 3 Jahre. Schließlich sind die Lebensmittelgruppen, die bei erhöhtem Verzehr als Anti-Aging Sieger gekürt wurden, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte und Nüsse bei einem gleichzeitig stark reduzierten Konsum rotes und verarbeitetes Fleisches sowie Limonaden.  

Auch wenn die Studie breit und überwiegend lobend rezipiert wurde, wurde sie auch wegen starken Vereinfachungen eines komplexen Themas berechtigterweise kritisiert (s. z.B. die Reaktion der norwegischen Konkurrenz unter dem Kommentar „Food choices and life expectancy: is it just beans?“), da unter anderem grobe allgemeine Empfehlungen die Einzigartigkeit der persönlichen Physiologie, Lebenslage, Umwelt, usw. und deren komplexen Wechselwirkungen zwangsweise verschleiern gar ignorieren. Wie schon oben angedeutet gibt es tatsächlich kein „one size fits all“ in der Ernährung. Zudem wurden über statistische Ungenauigkeiten hinaus die Vernachlässigung von mindestens zwei zentralen Variablen – nämlich die Gesamtenergieaufnahme sowie synergetische Substitutionseffekte – vorgeworfen, so dass die Einschätzungen in puncto Lebenserwartung womöglich grob übertrieben wurden. Nichtdestotrotz liefert die ursprüngliche Studie eine bemerkenswerte Bestätigung, dass eine überwiegend vegetarische und industriell unraffinierte Diät die besten Chancen auf ein langes und gesundes Leben bietet – auch wenn die Feinabstimmungen wahrscheinlich nach wie vor künftig erst über einen personalisierten epigenetischen Ansatz geliefert werden können.

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Quellen

Lars T. Fadnes, Jan M. Økland, Øystein A. Haaland,Kjell A. Johansson (2022) Estimating impact of food choices on life expectancy: A modeling study. PLOS Medicine 19(2): e1003889. https://doi.org/10.1371/journal.pmed.1003889

“Food for healthy life” Calculator: http://158.39.201.81:3838/Food/  

Vegard Lysne, Thomas Olsen, Theogene Habumugisha, Ingunn M.S. Engebretsen, Jutta Dierkes (2022) Food choices and life expectancy: is it just beans? https://journals.plos.org/plosmedicine/article/comment?id=10.1371/annotation/17b487d1-458c-4e9b-9497-792c97621ac1

Bild: © Karolina Grabowska: https://www.pexels.com/photo/composition-of-fresh-ingredients-for-healthy-breakfast-4021695/ (letzter Zugang: 27.04.2022)

BEITRAG VON
Dr. Gwen Bingle
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