1. Macht Covid epigenetisch älter?

Das Henne-Ei-Problem der Epigenetik

Dr. Gwen Bingle
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December 4, 2021

Das Alterungspotenzial von Covid-19

Eine im Juni 2021 in der International Journal of Molecular Sciences erschienene Studie, die von italienischen Forscherinnen und Forschern durchgeführt wurde, legt nahe, dass eine überstandene Covid-19 Erkrankung eine erhebliche epigenetische Alterung nach sich zieht, insbesondere bei der Kohorte der unter 60 jährigen. Mit 117 Covid-19 Überlebenden (sog. post-Covid-19) and 144 nicht infizierten Freiwilligen (sog. Covid-19-free) ist die Studie zwar relativ klein angelegt und somit nur bedingt aussagekräftig. Allerdings, da die epigenetische Altersbeschleunigung mit anderen Alterungsmerkmale wie z.B. die Telomerlänge korreliert, ist dies dennoch ein deutlicher Hinweis, dass eine Covid-Erkrankung, insbesondere bei jüngeren Überlebenden, nicht spurlos verläuft. Was noch unklar bleibt, ist ob diese epigenetischen Änderungen der Covid-Ansteckung möglicherweise vorausgehen. Dies könnte dann eventuell erklären, warum die Altersbeschleunigung bei älteren Covid-Überlebenden weniger auffällig ist.

Natürliche Infektion versus Impfung: beschleunigen beide die Alterung?

Eine weitere kleine Studie mit 60 Probanden, die die Firma TruDiagnostic zusammen mit der Cornell Universität aktuell durchführt, soll die epigenetische Altersbeschleunigung sowie den allgemeinen Gesundheitszustand bei überstandener Covid-Krankheit versus die Alterung nach Impfung mit einem mRNA Impfstoff vergleichen. Je nach Altersbandreite der untersuchten Probanden könnte diese neue Studie weiteren Aufschluss über den genauen Ablauf der epigenetischen Alterung -ob der Krankheit vorausgehend oder als Konsequenz derselbe.    

Das Dilemma

Darin liegt in der Tat die Henne-Ei Ambivalenz der Epigenetik. Um eine etwas theologische Metapher aufzugreifen, haben bisherige Fortschritte in der Genetik eine Art gesundheitlicher Prädestination aufgedeckt: die progressive Entschlüsselung des Genoms hat eine Vielzahl an aktiven Merkmalen (Phänotypen) sowie schlummernde Potenziale offenbart, die wir von unseren Ahnen geerbt haben und die relativ starr sind, da sie sich sehr langsam und nach ziemlich stringenten Gesetzen entwickelt haben. Augenfarbe, Gesichtszüge oder gewisse Erkrankungen wurden uns ja wortwörtlich in die Wiege gelegt. Dagegen mutet die Epigenetik nicht so eindeutig an: hier herrscht weniger Fernsteuerung als permanente Interaktion zwischen innen und außen. Von dieser Perspektive sind Gesundheit und Krankheit eher das Ergebnis eines kurzlebigeren Dialogs zwischen Individuum und Umfeld. Tatsächlich beeinflussen Umweltfaktoren, sozioökonomische Umstände, existentielle Erlebnisse, Bewegung oder Ernährung die Gesundheit und somit das physiologische Altern erheblich aber nicht unbedingt nachhaltig, sprich, viele Entwicklungen sind auf dieser Ebene nicht nur steuerbar, sondern möglicherweise auch reversibel. Eine gesündere Ernährung, mehr Einkommen und/oder Freizeit, weniger Schadstoffe oder aktive gesellschaftliche Teilhabe können auf Gesundheit und biologisches Alter wahre Wunder bewirken. Allerdings durch die dichte Verflechtung der jeweiligen Einflüsse bleibt es relativ herausfordernd, die kausalen Faktoren auseinanderzuhalten bzw. sie präzise zu gewichten.

Alterung durch oder vor der Infektion?

Was ist aber mit Infektionskrankheiten – seien sie viraler oder bakterieller Natur, die einem so „erwischen“? Erwischen sie uns, weil wir epi/genetisch schlechter gestellt sind oder sind es die Krankheiten, die uns zusetzen bzw. alt machen? Bisher gibt es keine eindeutige Antwort, da Studien in diesem Bereich noch rar gesät und unvollkommen sind. Ein paar Studien haben auch schon gezeigt, dass gewisse infektiöse Krankheiten wie z.B. AIDS oder gastrische Erkrankungen durch Helicobacter pylori eine Beschleunigung des epigenetischen Alters mit sich bringen. Allerdings wurde in diesen Fällen auch nicht untersucht, ob die Probanden vor ihren Erkrankungen eine epigenetische Altersbeschleunigung aus anderen Gründen erlebt hatten. In diesem Kontext ist der Fall von Covid-19 also besonders interessant, da von Beginn der Pandemie an betont wurde, dass Menschen im höheren Alter bzw. Menschen mit ernsthaften Komorbiditäten wie z.B. Diabetes Typ 1, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Adipositas – die  mit beschleunigter epigenetischer Alterung auch korrelieren – viel anfälliger für die Krankheit allgemein bzw. für einen schweren Verlauf inklusive PPCS (persistent post-COVID-19 syndrome umgangssprachlich als „Long Covid“ bezeichnet) seien. Somit ist das Henne-Ei-Problem der Epigenetik bei infektiösen Krankheiten auch noch nicht geknackt. Es bleibt also weiterhin spannend!

Referenzen

Mongelli A, Barbi V, Gottardi Zamperla M, et al. Evidence for Biological Age Acceleration and Telomere Shortening in COVID-19 Survivors. International Journal of Molecular Sciences. 2021;22(11):6151. Published 2021 Jun 7. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC8201243/ (letzter Zugang: 03.12.2021)

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Bajaj V, Gadi N, Spihlman AP, Wu SC, Choi CH, Moulton VR. Aging, Immunity, and COVID-19: How Age Influences the Host Immune Response to Coronavirus Infections? Frontiers in Physiology. 2021 Jan 12; 11: 571416. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7835928/ (letzter Zugang: 03.12.2021)

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Bild: © Alison Burrel https://www.pexels.com/photo/brown-hen-near-white-egg-on-nest-195226/ (letzter Zugang: 03.12.2021)

BEITRAG VON
Dr. Gwen Bingle
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